Cecilia Chiavistelli interviewt Rendel Simonti

Rendel Simonti, eine der engagiertesten Künstlerinnen auf der Suche nach zeitgenössischen Formulierungen im Bereich der bildenden Kunst, hat sich bereit erklärt, auf einen Fragenkatalog zu antworten, der sich mit ihren Erfahrungen und ihren Vorstellungen von Kunst auseinandersetzt.

Du bist keine gebürtige Florentinerin, was hat Dich nach Florenz geführt?

Richtig, ich bin gebürtige Deutsche. Mich hat die Liebe nach Florenz geführt. Ich bin meinem Florentiner Mann in seine Heimatstadt gefolgt. Kennengelernt haben wir uns in Florenz, 1969, als wir beide noch Studenten waren. 1973 haben wir geheiratet und in Florenz unsere Zelte aufgeschlagen. Hier ist auch unsere Tochter Tosca geboren. Ihr Name ist als Hommage an die Toscana zu verstehen.

 

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Warum hast Du Florenz (seit 1973?) als Ort für den wichtigsten Abschnitt Deines Lebens und Deiner künstlerischen Arbeit gewählt?

Ich bin als schon erwachsener Mensch 1973 nach Florenz gekommen, mit abgeschlossener künstlerischer Ausbildung und auf bestem Wege, erste Erfolge zu verzeichnen. Ich kam aus Düsseldorf, der damaligen Metropole zeitgenössischer Kunst, und den aufregenden Zeiten, die an der Akademie herrschten. Da gab es die großen Figuren wie Joseph Beuys und viele andere, die nicht nur eine lokale und zeitlich begrenzte Bedeutung hatten sondern kunstgeschichtlich betrachtet die gesamte Gegenwartskunst mit bestimmen sollten. Der Eindruck also, den Florenz auf mich machte, diese wunderbare, feierlich strenge, auch ferne Stadt - so jedenfalls erschien sie mir damals – mit unverwandtem Blick auf die Vergangenheit gerichtet, war nicht problemlos und kostete mich einigen Widerstand. Ich nahm mir vor, dieser Stadt habhaft zu werden, mich mit ihrer ruhmreichen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Heute kann ich sagen, es geschafft zu haben, es ist mir gelungen, neues Wissen und neue Kenntnisse in mein künstlerisches Gegenwartsverständnis einfließen zu lassen. Sehr viel später, nach Jahren, sollte ich erneut studieren und einen Europäischen Mastertitel in Bewahrung und Verwaltung von Kulturgütern erwerben. Das Leben ist auch ein Zufall...

Wenn Du wählen könntest, würdest Du in einem zweiten Leben Florenz mit einer anderen Stadt tauschen?

Ich stelle mir nicht gern neue Lebenssituationen vor. Sicher ist, dass ich in einer anderen Stadt leben könnte, in einem anderen sozio-kulturellen Ambiente, wenn die Voraussetzungen überzeugend und stimmig wären, als Garant für ein glückliches Leben...

Ich möchte, dass Du mit eigenen Worten Deine Arbeit beschreibst.

Ich bezeichne meine Arbeit als gedanklich visuell und siedle sie in den Bereich der Minimal- und Konzeptkunst an, denn da komme ich her. Mich interessieren die kontinuierlich experimentelle Arbeitsweise, die formale Ethik und Ästhetik, der Impuls als energetische Quelle sowie präzise Strategien beim bildnerischen Aufbau. Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit – zumindest was die letzten Jahre betrifft – waren und sind die sogenannten Künstlerbücher, diese wunderbar „gastliche“ Kunstform für große und kleine Unternehmungen. Geeignet, so schien mir, für den Dialog von Text + Bild, ein mich seit Jahren faszinierendes Thema. Geeignet auch wegen anderer Vorlieben: Serie, Sequenz, Reproduzierbarkeit, leicht transportables bzw. auffindbares Format und Material. Ich möchte hier einige Buchtitel nennen, deren Thematik Namen und Namenslisten sind, Geschehnisse antiker Mythen sind: „Somiglianze“, Ähnlichkeiten (2008), „Erano tutte bellissime“, Sie waren alle wunderschön (2008/09), „50 figlie“, 50 Töchter (2008/09) und „50 rematori“ 50 Ruderer (2010/11), das vierbändig den Mythos der Argonauten parafrasiert. Abschließend zwei schöne und auch etwas subversive Arbeiten: „Erba Moli“, Das Kräutlein Moly und „Inneres Auge, beide von 2012.

Wie hat sich Deine Arbeit mit der Zeit verändert?

Wenn in den letzten Jahren mit Leidenschaft Künstlerbücher herstelle, so habe ich früher Bücher zerstört, ich habe sie auseinander genommen. Mit kleinen Eingriffen im Schriftbild oder bei der Namensnennung von Autoren, besonders solcher, die vorübergehend an Aktualität verloren hatten, natürlich um ihnen einen neuen Stellenwert zu geben. Mit Sicherheit hat jedoch der Umgang mit Büchern und Texten (Literatur, Dichtung, Philosophie) immer einen besonderen Platz in meiner Arbeit eingenommen. Mit der Zeit gab es neue Thematiken, neue Inhalte, je nach Inspirationsquellen. Eine weitere Variable ist zweifellos der unterschiedliche Gebrauch von Arbeitsmitteln, Materialien und Techniken, angefangen bei den großformatigen Stoffbildern der 1960er Jahre, über die experimentelle Fotografie (1970er Jahre), die automatischen Schreibbilder, die Körperzeichnungen (1980er Jahre), dann wieder die Fotografie, bis hin zu den Büchern und Installationen der 1990er Jahre bis heute.

Womit beschäftigst Du Dich im Augenblick?

Ich habe mir „Das Leben der Anderen“ vorgenommen. Der Titel ist provisorisch, es wird ein Künstlerbuch. (Der gleichnamige - wunderbare - Film hat damit nichts zu tun.) Mit den „Anderen“ sind die 365 Kalenderheiligen gemeint. Deren Namen, die wir tagtäglich benutzen, bzw. antreffen, sind uns ja allen - ob Christen oder Nicht-Christen – geläufig. Es sind die Helden unserer Zeit im Gegensatz zu den Heroen der griechischen Antike, Achilleus, Herakles und alle anderen Halbgötter. Ich stelle sie einzeln vor, der Reihe nach, mit den uns zum Großteil bekannten Namen, andere klingen exotisch oder rufen vergessene Erinnerungen wach. Das jeweilige Bildattribut ist von großer Faszination und läßt Raum für die Vorstellungskraft des Betrachters zu. Ich denke, „Das Leben der Anderen“ wird mein erstes E-book werden.

Und wie sehen Deine Projekte für die Zukunft aus? Gibt es Ausstellungspläne?

Da gibt es drei Termine fürs laufende 2013. Im Juni bin ich bei der Organisation einer 24-stündigen Veranstaltung im Valdarno eingespannt. Da werde ich sieben größere Arbeiten eines an die Kunstszene unangepaßten deutschen Malers zeigen: Martin Fausel. Ende des Jahres wird dort am selben Ort, einem antiken Landsitz, eine Installation von mir eingeweiht werden, die die Gutsfamilie in ihrer Eigenschaft als Kunstsammler vor zwei Jahren erworben hat. Der dritte Termin, ein überaus kostbarer und bedeutender Termin, ist die Einweihung der Erweiterung des Korridors des Vasari mit einer beeindruckenden Vielzahl von Selbstportraits des 19. und 20. Jahrhunderts. Ich kann nicht umhin, mich außerordentlich privilegiert zu fühlen, nämlich die Möglichkeit gehabt zu haben, an so einem Projekt mitzuarbeiten. Und mich über einen langen Zeitraum inmitten hunderter und aberhunderter Selbstportraits aller Zeitepochen bewegt zu haben.

Hat die Tatasache, in Florenz zu wohnen, Deine Arbeit beeinträchtigt?

Negativ beeinträchtigt auf keinen Fall, unterschiedlich beeinflußt ja. Sie hat mich in die Lage versetzt, neue Horizonte zu erkunden, die mir andernfalls, mit großer Wahrscheinlichkeit, verborgen geblieben wären. Hinzu kommt, dass ich in Florenz in Arbeitswelten vorgestoßen bin, die ich mir vorher nie erträumt hätte...

Du bist auch außerhalb Italiens bekannt, was gibt es für Unterschiede in den beiden Kunstwelten Italien/Deutschland?

Die Unterschiede sind klar und ablesbar, zum Beispiel unterwegs auf Reisen in Deutschland. In Museen und Galerien zeitgenössischer Kunst begegnet uns auf Schritt und Tritt ein neugieriges, waches, lebendiges Publikum, ohne Unterschied, ob Groß oder Klein. Von Kindesbeinen an haben diese Besucher gelernt, wie man ein Werk der Gegenwartskunst angeht, sie haben ein bestimmtes Gespür entwickelt, sich Wissen und Kenntnisse angeeignet, denn während ihrer gesamten Schulzeit haben sie sich - über den theoretischen Unterricht der visuellen Komunikation hinaus - eigenhändig und im praktischen Verfahren mit den Strategien und den bildnerischen Ausdrucksmitteln auseinandersetzten müssen...

Du hast mit Miccini und Mariotti zusammengearbeitet: Was war das für ein Arbeitsverhältnis?

Mit Mariotti verband mich ein Arbeitsverhältnis, welches Dutzende von jungen und weniger jungen Künstlern gleichermaßen mit Mariotti verband: Immer in gespannter Erwartung auf neue Projekte, die Mariotti ersann und zu denen er massenweise einlud. Mit Sympathie erinnere ich mich an das gigantische Fluss-Unternehmen „Polittico di San Giovanni“, Polyptychon des Hl. Johannes, „Giuliano“ im Amphitheater der “Cascine” und “Al muro! Al muro!”, An die Wand! An die Wand! in der „Leopolda“. Seine Devise war „Tutti insieme“, Alle zusammen, und der Erfolg war überwältigend. Mit Miccini war es anders. Unser Verhältnis war ein direktes, persönliches, ein über die Jahre gewachsenes und gefestigtes. Das war jedoch kein Grund, von so mancher der ihm eigenen Spötteleien verschont zu bleiben...Miccini kannte ich seit den 1970er Jahren, aber nur dem Ruf nach, persönlich habe ich ihn zwanzig Jahre später kennengelernt. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es Miccini war, der mich ernsthaft in die Welt des Künstlerbuchs und der visuellen Poesie eingeführt hat. Uns verbinden eine Reihe von Buchveröffentlichungen und gemeinsamen Ausstellungen, in Italien und in Deutschland, und allesamt sind sie eng mit dem Thema Künstlerbuch verknüpft.

Welche Künstlerpersönlichkeiten haben Deine Arbeitsweise besonders mit geprägt und mit welchen Künstlern Deiner Generation hast Du Ideale, Ideen und Vorlieben geteilt?

Ich möchte an zwei hervorragende Künstler erinnern, deren Namen Dir sicher geläufig sind, und vielleicht auch dem einen oder anderen Leser. Blinky Palermo und Bernhard Johannes Blume. Uns verbinden die glücklichen Jahre unserer Studienzeit, die Vision von Kunst und Leben, sowie eine Freundschaft, die allein der Tod unterbrach. Jetzt, da es sie nicht mehr gibt, beeindrucken mich ihre Bilder, die in den großen Museen hängen: sie berühren mich. Neben Palermo und Blume hat es immer Künstlerfreunde gegeben, die einen beträchtlichen Einfluss auf mich ausübten, und es auch weiterhin tun...Der deutsche Bildhauer Wolfgang Kliege zum Beispiel, auch Martin Fausel, Maler, ebenfalls Deutscher. Und zum Schluss, um wieder auf Florenz zu sprechen zu kommen, möchte ich die unermüdlich tätige Marlène Mangold nennen. Seit mehr als zwanzig Jahren verbinden mich mit ihr Erfahrungen, Orientierungen, und mit Sicherheit auch, unser „Florentinertum“.

Ein geheimer Wunschtraum?

Mein Wunsch wäre es, in einer gesonderten Ausstellung meine frühen großen und mittelgroßen Bilder (Ende 1960/Anfang 1970) zu zeigen, die nie zusammen ausgestellt worden sind. Nicht aus einer persönlichen oder privaten Nostalgie heraus, sondern aus Neugierde, und zwar, um die Berührungspunkte mit den damals sich herausschälenden Kunstrichtungen aufgewiesen zu sehen: Minimal- und Konzeptkunst. Und so, was nun unsere Plauderei betrifft, schließt sich der Kreis, indem ich auf das zurückkomme, was anfänglich gesagt wurde, von wo wir ausgegangen sind, oder quasi...

 

cigno

Das Gespräch erschien online bei nove am 16. Juni 2013